„Türkische Schulen” – ein Integrationsmodell für Deutschland
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- Erstellt am Dienstag, 10 August 2010 23:03
von Gerhard Rudi Pelz und Birgitt Kraft
Wie die Berufung der ersten türkischstämmigen Ministerin in Niedersachsen zeigt, hat sich die Einstellung auch konservativer Politiker zu Migration und Einwanderung grundlegend geändert.
An Aktivitäten, einer Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft und Muttersprache entgegenzuwirken, scheint es derzeit nicht zu mangeln. Es gilt jedoch, auch jene Mitbürger zu überzeugen, die den Integrationsbemühungen eher skeptisch gegenüberstehen. Um diese Wählerschicht nicht zu verlieren, wird oft das Argument bemüht, es mangele an Eigeninitiative der Betroffenen. Doch wie sollte diese aussehen?
Dass Schüler mit einer anderen Muttersprache als Deutsch an unseren Schulen über geringere Bildungs-chancen als einheimische Kinder verfügen, ist vielfach festgestellt und unbestritten. Mangelnde Sprachkenntnisse vor allem auch bei ihren Eltern erschweren die Bemühungen um Hilfestellung in schulischen Angelegenheiten.
Und auch beim Start in die Berufsausbildung ist Chancengleichheit nicht gewährleistet: Nach einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA Bonn, Febr. 2010) verringert allein ein türkischer Nachname die Chance auf Einladung zu einem Vorstellungsgespräch um bis zu 24 Prozent – bei gleicher Qualifikation!
Die Mehrzahl der einheimischen Bundesbürger begegnet den Sitten und Gebräuchen anderer Kulturkreise und Religionen bevorzugt aus Distanz und hält sich aus Angst vor Überfremdung fern. Engere Freundschaften zwischen deutschen und türkischen Familien oder gar Eheschließungen zwischen Partnern unterschiedlicher Herkunft bilden noch immer die Ausnahme. Auch deutsche Politiker tun sich schwer, ihre wohlklingenden Absichtserklärungen zur Integration und Chancengleichheit in die Praxis umzusetzen. In den Schulen fühlen sich die Lehrer mit den Problemen alleine gelassen und vielfach überfordert.
In diesem Klima beschloss der Deutsche Bundestag im August 2004 das sogenannte „Zuwanderungsgesetz”. Es beinhaltet u. a. das Ziel des Staates, die Förderung der Integration „gemeinsam mit den Betroffenen” zu erreichen. Diese waren somit dazu aufgerufen, nicht nur die Hilfestellung Dritter oder staatlicher Stellen einzufordern, sondern auch selbst aktiv zu werden.
Historie
Selbst aktiv? Dies bedeutete für integrationswillige Mitbürger zunächst einmal, die Vorbehalte und Ängste der deutschen Öffentlichkeit – wie Ghettobildung, Islamismus und Parallelgesellschaft – glaubhaft und überzeugend zu widerlegen. Und das geht nur gemeinschaftlich: Die Betroffenen mußten sich organisieren – und hatten hierbei nicht nur demokratische Grundsätze und Menschenrechte, sondern ebenso die Sitten und Gebräuche wie auch einige ganz spezielle Empfindlichkeiten der einheimischen Bevölkerung zu beachten. Existierende Organisationen mit muslimisch-religiöser Zielsetzung schienen dazu kaum geeignet.
Ein geeignetes Konzept mußte vor allem den Vorwürfen entgegentreten, in Deutschland lebende Türken würden nichts zur Integration beitragen und sich zu wenig um die Bildung ihrer Kinder kümmern. Integrationsbemühungen hatten somit an jenen Themen anzusetzen, die zur Chancengleichheit beitragen und gleichzeitig von der deutschen Bevölkerung als besonders wichtig empfunden werden: Schule, Bildung, Ausbildung und Weiterbildung – also jene zukunftsträchtigen Vorhaben, die eigentlich alle Mitbürger gemeinsam und unmittelbar betreffen.
Solche Überlegungen motivierten integrationswillige Mitbürger deutscher Staatsangehörigkeit mit türkischem „Migrationshintergrund”, sich um die im Zu-wanderungsgesetz geforderten Gemeinsamkeiten zu bemühen. Hierzu gründeten sie in mehreren Bundesländern Bildungsvereine, deren Satzung von den deutschen Behörden geprüft und deren Arbeit als gemeinnützig anerkannt wurde. Ihr wichtigstes Ziel war zunächst ein intensiver Informationsaustausch und das Angebot an deutsche Schulbehörden und Bildungspolitiker, in Schul- und Bildungsfragen eng zusammenzuarbeiten.
Doch leider stellte sich sehr bald heraus, dass zuständige Politiker, Ministerien, Verwaltungen und Schulen vor allem mit der Lösung eigener Probleme beschäftigt waren, die sich während einer schon Jahrzehnte dauernden Bildungsmisere angesammelt hatten. Anregungen, Einladungen und Terminvorschläge der um Integration bemühten Migranten-Organisationen wurden vielfach nicht beachtet oder mit wohlklingenden Phrasen in nahezu gleichlautenden Musterbriefen unter Hinweis auf Zeit-, Geld- oder Personalmangel abgetan. Dies war den Abgewiesenen unverständlich, denn die Probleme besonders an den Schulen mit einer größeren Anzahl von Schülern mit „Migrationshintergrund” ließen sich kaum mehr übersehen.
Die gemeinnützigen Vereine sahen sich satzungsgemäß verpflichtet, hier Hilfestellung zu leisten, hingegen aber nicht berechtigt, diese aufzudrängen. Trägheit und Desinteresse der Verantwortlichen in Staat und Verwaltung erweckten bei ihnen den Anschein, es mangele der Absichtserklärung im Integrationsprogramm (§ 45 Zuwanderungsgesetz) an Ernsthaftigkeit.
Nun galt es, eigene Wege abseits von blockierenden Hierarchien und übertriebenem Bürokratismus zu suchen, um die Integration zu fördern und Chancengleichheit herzustellen. Eine Alternative zur engeren Zusammenarbeit mit dem staatlichen Schulsystem, das daran wenig Interesse zeigte, war die Gründung staatlich anerkannter Privatschulen nach deutschem Recht. In diesen konnte die Benachteiligungen jener Kinder, deren Muttersprache eine andere ist als deutsch, auf dem schnellsten Weg gemindert werden: sprachliche Schwierigkeiten, Hilflosigkeit der Eltern, kulturelle Besonderheiten, als Willkür empfundene Entscheidungen und eine Vielzahl unterschiedlicher Schulprobleme.
Konzept
2005 entstanden in Berlin und Stuttgart die ersten dieser Schulen in der privaten Trägerschaft gemeinnütziger Vereine mit den Zielen der Integration und Chancen-gleichheit. Bei ihrer sorgfältigen Planung wurden Vorbehalte und Empfindlichkeiten der deutschen Öffentlichkeit berücksichtigt und versucht, unbeabsichtigten oder auch gezielt lancierten Missverständnissen vorausschauend zu begegnen. Unter anderem wurde festgeschrieben:
- Die Gründung der unabhängigen Privatschulen erfolgt auf Wunsch der Eltern vor Ort und ohne jegliche Information und Beteiligung staatlicher Behörden in der Türkei allein nach deutscher Rechts- und Gesetzeslage;
- Träger sind gemeinnützige Bildungsvereine in Deutsch-land mit mindestens 10 bis 15jähriger Erfahrung auf dem Bildungssektor. Die Gründungsfinanzierung wird ausschließlich mit eigenen Mitteln durch Beiträge, Spenden und Sponsoren erbracht. Nach einer Anlaufphase müssen Privatschulen den gesetzlichen Bestimmungen entsprechend vom Staat gefördert werden.
- Ziel der Schulen ist keine Elitebildung, sondern die Bildungsförderung von armen und reichen, begabten und unbegabten Schülerinnen und Schüleren ohne Dif-ferenzierung nach Sprache, Religion oder Herkunft.
- Die Unterrichtssprache ist deutsch. Es wird nach deutschen Lehrplänen unterrichtet. Der Abschluss ist in der Regel das Abitur. Fremdsprachen werden nach den Länderbestimmungen unterrichtet. Neben Englisch kann in einigen der Schulen als zweite Fremdsprache u. a. auch Türkisch ausgewählt werden.
Die meisten Schulleiter und Lehrer an diesen Schulen besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft, haben in Deutschland studiert und hier erfolgreich ihr Referendariat und die zweite Staatsprüfung abgelegt.
- Die Verfahrensweise bei kontrovers diskutierten Themen – wie z. B. Kopftuch oder Schwimmunterricht – ist genau dieselbe wie in staatlichen Schulen.
- Unterschiede zu den staatlichen Schulen sind eine hohe Transparenz (z. B. bei Entscheidungen), ein funktionierendes Konfliktmanagement, umfassendere Mitspracherechte von Eltern und Schülern, und eine Förderung nach individueller Begabung, auch in unterrichtsfreien Zeiten über zusätzlichen Einzelunterricht durch Lehrer.
- In den Satzungen der Schulen ist die Erteilung von evangelischem und katholischem Religionsunterricht festgeschrieben. Die muslimischen Schüler bekommen Ethik-Unterricht in deutscher Sprache und keinen Islam-Unterricht.
Religionsunterricht
Besonders bemerkenswert ist die Erteilung von christlichem Religionsunterricht, denn an vielen staatlichen Schulen in Deutschland gibt es bereits speziellen Islamunterricht für muslimische Schüler. So wurde in Bayern und Nordrhein-Westfalen schon seit den 80er Jahren die „religiöse Unterweisung” im Rahmen des muttersprachlichen Türkisch-Unterrichts großflächig eingeführt, in Bayern sogar nach Lehrplänen des türkischen Unterrichtsministeriums. Mittlerweile liegen die Ergebnisse mehrerer Schulversuche vor, die zahlreiche Sonderwege und Regelungen in den einzelnen Bundesländern zur Folge hatten. Derzeit sind vor allem die Einbindung in den muttersprachlichen Unterricht und das Mitwirkungsrecht islamischer Verbände und Gemeinschaften noch umstritten, anerkannt jedoch von fast allen Seiten die Notwendigkeit eines Islamunterrichts in deutscher Sprache als selbständiges Unterrichtsfach vor allem für türkische Schüler(innen), wobei die „Mündigkeit des Schülers im Umgang mit Religionsfragen” im Vordergrund stehen soll.
Ob die muslimischen und türkischstämmigen Mitbürger einen derart speziellen Islamunterricht überhaupt als wünschenswert empfinden, bleibt offen. Hier hilft auch die Deutsche Islamkonferenz nicht weiter, deren Legitimationsprobleme und schwammige Zielsetzung keine kurzfristigen Ergebnisse erwarten lassen. Wolfgang Schäuble (CDU) im April 2009: „Es wäre … absurd zu glauben, wir wären nach drei Jahren schon am Ende“, „Der Dialog in der Islamkonferenz dient dazu, dass Muslime verstehen, dass sie in unserem Land willkommen sind.“ Dies sei „der einzige Weg, um eine Radikalisierung von Muslimen zu verhindern“. – Der einzige Weg? Ist es wirklich erforderlich, das Schreckgespenst des radikalen Islamismus zu bemühen und über 4 Millionen Muslime zu verdächtigen, die sich bis auf wenige und bedauerliche Ausnahmen friedlich verhalten und den Gemeinsamkeiten der drei monotheistischen Religionen verbunden fühlen?
Die türkischstämmige Sozialministerin in Niedersachsen, Aygül Özkan (CDU), sprach am 27. April 2010 ihren Amtseid mit der Eidesformel „So wahr mir Gott helfe”. Als gläubige Muslimin berief sie sich hierbei ausdrücklich auf den einen und einzigen Gott”, der dem Judentum, dem Christentum und dem Islam gemeinsam sei. Die beiden Landeskirchen waren verärgert und protestierten, worüber sich weite Teile der Bevölkerung aufregten, was wiederum die Kirchen zu einer Meinungs-änderung veranlaßte. Auch der von seinen Kritikern aufgrund von früheren Äußerungen als „Deutscher Hassprediger” bezeichnete bildungspolitische Sprecher der hessischen CDU-Landtagsfraktion, Hans-Jürgen Irmer, erhob umgehend seine Stimme und erklärte „Der Islam ist auf die Eroberung der Weltherrschaft fixiert” und „Wir brauchen nicht mehr Muslime, sondern weniger”. Mit Ausnahme der Rechtsradikalen regten sich weite Teile der Bevölkerung darüber auf, wodurch der Bildungs-politische Sprecher ebenfalls zu einer „Meinungsänderung” veranlaßt wurde. Wer noch noch immer nach den Gründen für die anfangs beschriebene Nichtbeachtung der um Integration bemühten Migranten-Organisationen suchen sollte, dürfte hier fündig werden.
Der Verzicht auf den Islamunterricht in den neugegründeten Privatschulen richtet sich keineswegs gegen den islamischen Glauben. Er setzt stattdessen ein machtvolles Zeichen von Toleranz in dem durch christliche Traditionen geprägten Deutschland, verbunden mit der stummen Bitte an die einheimische Bevölkerung, dieselbe Toleranz auch anderen Glaubensgemeinschaften wie dem Islam und Judentum zu gewähren.
Die Äußerungen des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zur Einrichtung von „türkischen Schulen in Deutschland” hatte zur Folge, dass diese Schulen in einigen Medien als „Türkisch” klassifiziert und in der Öffentlichkeit herabgewürdigt wurden. Leider hat er nicht näher erläutert, was er unter „Türkischen Schulen” versteht. Sollten jene Schulen gemeint sein, deren Konzept zuvor beschrieben wurde, wäre hiermit auch der Integration gedient. Initiativen zur Gründung von Privatschulen müssten jedoch nach wie vor nicht von der Türkei oder von türkischen Organisationen ausgehen, sondern allein von jenen Mitbürgern, die in Deutschland auf Dauer eine neue Heimat gefunden haben.
Dachte Herr Erdogan dagegen an einen Unterricht durch türkische Lehrer in türkischer Sprache nach türkischem Lehrplan mit türkischem Abschluss, türkische Weiterbildung und türkische Universitäten, wäre keines der Probleme gelöst. Übereinstimmend mit der Mehrheit der Bevölkerung sprach sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel eindeutig dagegen aus und auch die meisten türkischstämmigen Mitbürger in Deutschland zeigen keinerlei Interesse, sich für politische Ziele instrumentalisieren zu lassen. Eine Strategie, Türken in Deutschland als anerkannte Minderheit zu etablieren, würde nicht integrieren, sondern ausgrenzen!
Nur am Rande sei bemerkt, dass in Deutschland schon seit Jahren anerkannte ausländische Privatschulen existieren, in denen nicht das deutsche Abitur vergeben wird, z. B. griechische, japanische, internationale oder mehrsprachige – aber keine türkischen! Sie dienen zumeist der Ausbildung jener Kinder, die nach einem dienstlichen Aufenthalt ihrer Eltern in das Heimatland zurückkehren und später dort die Schule besuchen werden, etwa die Kinder von Diplomaten oder Zeit-arbeitern. Deutsche Schulen gibt es übrigens in mehreren Ländern der Erde, z. B. auch in Istanbul. Die Kenntnis der deutschen Sprache im Ausland wird durch 149 Goethe-Institute in 91 Ländern gefördert.
Entwicklung
Die neu gegründeten Privatschulen wurden in der Anfangsphase überwiegend von den Eltern der Schüler finanziert. Hierbei engagierten sich viele Familien sehr stark im Rahmen ihrer Möglichkeiten – bis zum Verzicht auf Urlaubsreisen oder Autokauf – zugunsten einer höherwertigen Schulbildung ihrer Kinder in der Hoffnung auf bessere Zukunftsperspektiven. Die Kinder und Enkel der ehemaligen türkischen Gastarbeiter machten Schluß mit den Benachteiligungen im deutschen Schulsystem, entdeckten den hohen Stellenwert von Bildung und nahmen die Integration jetzt selbst in die Hand.
Schulleiter und Lehrer dieser Schulen waren in hohem Maße gefordert, die Erwartungshaltung der Eltern zu erfüllen. Einige der besten Absolventen deutscher Universitäten gaben sich mit einem geringeren Einkommen als an staatlichen Schulen zufrieden, um an dieser Aufgabe mitzuwirken. Die hoch motivierten Vereine und Lehrkräfte schafften in kurzer Zeit ein Schulklima, in dem das Lehren und Lernen Freude bereitet, was sich natürlich auch positiv auf die Leistungen der Schüler auswirkte.
Unterstützung gewährten auch Behörden vor Ort und Politiker verschiedener Parteien, in deren Wahlkreis eine solche Privatschule angesiedelt wurde. Sie waren in der Regel schon in die Gründungsphase eingebunden und detailliert über Ziele, Methoden und Entwicklung informiert. Nach Aufnahme des Schulbetriebs führten ihre Überprüfungen zu erstaunlich positiven Ergebnissen. Seither schätzen sie diese Schulen als eine wertvolle Bereicherung des Bildungsangebots in ihrem Wahlkreis.
Fremdenfeindlichkeit
Der gute Ruf, den sich die neuen Schulen in nur wenigen Jahren erarbeiteten, erfreute leider nicht alle Teile der Gesellschaft gleichermaßen.
Gegenwind kam nicht allein von fremdenfeindlichen und neonazistischen Gruppierungen, von denen dies zu erwarten war, sondern auch von anderen Parteien und Organisationen. So wurde mit dem Begriff der „Türkischen Schulen“ bewusst, teils vielleicht auch unbewusst, die in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung offen oder latent existierende Angst vor Überfremdung geschürt und eine Unterwanderung der deutschen Gesellschaft suggeriert. Mit der Bezeichnung „Gülen-Schulen” errichteten deren Gegner unter Hinweis auf den „Prediger Fethullah Gülen” ein unzutreffendes Feindbild und vermischten dieses mit der Gefahr des Islamismus und islamischen Terrorismus.
Entsprechende Behauptungen und Gerüchte wurden auch von manchen Medien weder nachgeprüft noch hinterfragt. Die Autoren verschiedenster Mutmaßungen hatten in der Regel keine dieser Schulen jemals betreten oder sich aus erster Hand über die genauen Hintergründe, Zusammenhänge und Unterschiede informiert.
Politik
Unstimmige Berichte über „türkische Schulen” in den Medien beeinflussten auch politische Entscheidungen.
Viele Bundesbürger lehnen die Integrationsbemühungen der Politiker aus Angst vor Überfremdung ab. Unmittelbar davon betroffen sind auch jene Schulen, die mit dem Ziel der Integration gegründet wurden – selbst wenn deren Konzepte die wohlbekannten Bedenken in der Bevölkerung berücksichtigen und in sämtlichen Punkten zerstreuen können.
Politiker befinden sich hier in einer Zwickmühle mit zwei Ausgängen: Einen mühevollen, verbunden mit aktiver Integrationsarbeit, Information, Aufklärung und Einbeziehung der Bevölkerung – dieser wurde bisher von vielen örtlichen Behörden und ergebnisorientierten Politikern bevorzugt – und einen bequemen, bei dem unverbindliche Absichtserkärungen produziert und größtes Interesse geheuchelt werden, man sich ansonsten aber aus der Angelegenheit heraushält, um keine Wählerstimmen zu verlieren – die bevorzugte Reaktionsweise vieler Bundes- und Landespolitiker in Übereinstimmung mit ihrer jeweiligen Parteilinie.
Beide Verhaltensweisen erscheinen widersprüchlich, sind jedoch durchaus erklärbar:
Struktur und Qualität der staatlichen Schulen in Deutschland wird von den betroffenen Schülern, Eltern und Lehrern in vielerlei Hinsicht als unzureichend empfunden. Alternativen zur Schulmisere bieten die Privatschulen, deren Zahl sich in den letzten Jahren deutlich vergrößerte. Die meisten verfügen über ein modernes Konzept, gewähren hochmotivierten Junglehrern attraktive Arbeitsbedingungen – sie schrecken damit zugleich die unqualifizierten und unmotivierten Kandidaten ab – und unterrichten die Schüler in einem zwar sehr stark leistungsorientierten, aber auch sozial-verträglichen Umfeld. Eines der Beispiele für gelungene Innovation ist der Mathematikunterricht an der Tüdesp-Schule in Berlin-Spandau. Dieses Angstfach vieler Schüler an den staatlichen Schulen entwickelte sich hier zu einem Lieblingsfach, von dessen Faszination sich selbst die mathematisch unbegabten Schüler mitreißen lassen. Je erfolgreicher sich solche Schulen etablieren, als Vorbild präsentieren und die staatlichen Schulen an Qualität übertreffen, desto gravierender verringert sich das Ansehen der staatlichen Schulen.
Als problematisch erwiesen sich in diesem Umfeld die Beschlüsse der Bundesländer, ihren Schulen in Zukunft mehr Freiraum einzuräumen („eigenständige Schulen”) und sie miteinander zu vergleichen. Weitere Wettbewerber „von außen” waren hier eigentlich nicht vorgesehen – vor allem keine ernsthaften Konkurrenten, deren Qualität von den meisten Staatsschulen auf absehbare Zeit nicht zu erreichen ist. Solche Privatschulen, die sich durch ein hohes Niveau an Leistung und Sozialverhalten bei Lehrern und Schülern auszeichnen, bilden einen positiven Gegenpol zum existierenden staatlichen Schulsystem mit seinen bekannten Schwächen - und sind diesem aus verständlichen Gründen unerwünscht.
Die Reaktion der Bildungsrepublik war konsequent und folgerichtig: Ein Vorhaben, die Abzugsfähigkeit für eine Ausbildung an Privatschulen bis 2011 zu streichen, dämpfte die Euphorie der Eltern (später wurde dann nur gekürzt); mehrere Privatschulen kamen nach der Verminderung von staatlichen Zuschüssen in finanzielle Schwierigkeiten und Neugründungen wurden noch einige Steine zusätzlich in den Weg gelegt.
Integration und Chancengleichheit würden wohl noch lange auf sich warten lassen, gäbe es nicht diese Schulen mit ihren individuellen und intensiven Förderungskonzepten. In der Anfangsphase weckten sie naturgemäß ein verstärktes Interesse bei türkischstämmigen Kindern, später kamen dann auch Schüler aus anderen Herkunftsländern hinzu, z. B. aus Griechenland, Bosnien oder Russland. In den letzten Jahren ist eine weitere Veränderung der Schülerstruktur festzustellen: Immer häufiger melden nun auch einheimisch-deutsche Eltern ihre Kinder an. Und diese Tendenz entspricht der Zielvorgabe: eine ähnlich große Anzahl deutscher Schüler wie an den staatlichen Schulen! Es gibt auch schon die ersten Wartelisten …
Ein Integrationskonzept, das funktioniert! Wir benötigen noch mehr von diesen Privatschulen!
Dr. Gerhard Rudi Pelz und Dr. Birgitt Kraft
Herausgeber und Redaktion der Fachzeitschrift „Schulkritik.de” (ISSN 1867-8599)
www.schulkritik.de, feedback[at]schulkritik.de

